Vertrauen

Vertrauen

“Was bedeutet das eigentlich? Was bedeutet es, Vertrauen zu haben? Welche Gefühle gehen damit einher?

Man kann Vertrauen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Es gibt das Vertrauen anderen Menschen gegenüber. Und dann gibt es das Vertrauen uns selbst gegenüber bzw. das Selbstvertrauen – das drückt aus, was der Mensch sich selbst zutraut, wozu er sich in der Lage fühlt und wie er die eigenen Fähigkeiten einschätzt. Dann gibt es noch das Urvertrauen – das Urvertrauen fängt bei einem kleinen Baby im Mutterleib an. Da ist es geschützt und geborgen und vertraut dadurch allem. Dieses Urvertrauen bleibt ein paar Jahre im Kleinkindalter bestehen.

Nach und nach kann dieses Vertrauen jedoch gestört werden. Durch Erlebnisse, die man erlebt, durch Menschen, die man trifft, durch Enttäuschungen, die man erfährt. Dieses Urvertrauen kann im Laufe der Zeit Risse erhalten. Die können ganz klein oder auch groß sein, doch auch kleine Risse haben irgendwann eine Auswirkung auf das Urvertrauen. Dadurch kann es dann auch passieren, dass das Vertrauen anderen Menschen oder sich selbst gegenüber gestört wird.

Was auch noch dazu beiträgt ist, dass die heutige Welt ja sehr schnelllebig ist und sehr hektisch sein kann – besser, höher, schneller, weiter. Wenn ein Alltag so aussieht, dass nur von einem Termin zum nächsten gehetzt wird, dann ist da für Vertrauen nicht mehr so viel Platz. Der Mensch ist vielleicht von Sorgen und Ängsten geplagt,. Die Gedanken springen von A nach B.

Wie kann es nun möglich sein, in all die Verpflichtungen des Alltags, in all die Schnelllebigkeit und in die Unruhe der Gedanken wieder Platz für Vertrauen zu integrieren?

Das Yoga bietet viele Möglichkeiten, dem Vertrauen (welche Art von Vertrauen auch immer es sein mag) ein Stück näher zu kommen. Durch die Praxis der Asanas kann der Mensch wieder mehr vertrauen in sich, in seinen Körper und in seine Fähigkeiten erhalten. Im Yoga geht es nicht darum, irgendetwas zu erreichen oder die Endhaltung einer Asana ausführen zu können. Es geht um Verbindung, Harmonie und Einheit und genau das schafft Vertrauen. Einheit von Körper, Geist und Seele. Die Gedanken zur Ruhe bringen und im Moment präsent sein.

Vertrauen heißt, den weiteren Weg, die Zukunft, nicht zu kennen. Nicht zu wissen, was einen erwartet und trotzdem zu vertrauen. Das Vertrauen bringt eine unglaubliche Chance mit sich, gelassen im Hier und Jetzt zu sein und gelassen in die Zukunft zu blicken.”


Dieses Thema habe ich meinen Yogis in meiner Vorstellstunde im Rahmen meiner Yogalehrerausbildung vorgestellt. Jede Yogastunde beginnt mit einem Thema, das auf die Yogastunde einstimmen kann. Dadurch wird es möglich, vom Alltag abzuschalten und seine Gedanken auf ein bestimmtes Thema zu richten. Dieses Thema zieht sich dann durch die ganze Stunde und wird vom Lehrer immer wieder ins Bewusstsein der Yogis geholt.

Das Thema Vertrauen fand ich für meine erste Stunde als Lehrerin sehr passend. Um die Yogis durch 90 Minuten Asanapraxis zu führen, bedarf es vor allem Selbstvertrauen. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, wie oben beschrieben.

Mich mit dem Thema zu beschäftigen hat mir in meiner Vorbereitung für meine Yogastunde wirklich geholfen. Ich hab mir Gedanken darüber gemacht, was Vertrauen für mich bedeutet und habe gemerkt, dass das bisher noch kein Thema für mich war. Vertrauen kannte ich bisher eher aus Beziehungen zum Freund oder der Familie, also ob ich einer anderen Person vertraue.

In Verbindung mit der Yoga-Philosophie gibt vor allem das Yogasutra von Patanjali Aufschluss darüber, worum es bei Vertrauen (Sanskrit: Sraddha) geht. Nämlich um den vollkommenen Glauben an etwas. Es wird als tief in uns verwurzeltes Vertrauen empfunden, das nicht wirklich wahrnehmbar ist, sondern als ein “dem Positiven Zugeneigtsein” beschrieben wird.

Als ich das gelesen habe, habe ich das als sehr tröstlich empfunden. Klar werden Momente im Leben kommen, wenn man zum Beispiel einen lieben Menschen verliert oder mit Krankheit konfrontiert wird, in der es unglaublich schwer wird, auf eine positive Zukunft zu vertrauen. Ich stell mir jedoch vor, dass diese emotionalen Täler mit ein bisschen weniger Kraft überwunden werden können, wenn man darauf vertraut, dass wieder bessere Zeiten kommen.

Ich habe das Gegenteil selbst schon erlebt, deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass es eine große Hilfe ist, in schwierigen Zeiten zu vertrauen. In einer schwierigen Zeit in meinem Leben habe ich nämlich immer wieder Gedanken und Ängste gehabt wie “Das wird nie vorbeigehen”, “Ich werde mich immer genau so fühlen wie jetzt”, “Es kommen bestimmt nie wieder gute Zeiten”. Du kannst dir wahrscheinlich vorstellen, dass die Abwärtsspirale da perfekt war.

Und ich würde mich jetzt auch nicht der Illusion hingeben, dass mit Vertrauen alles supidupi wird im Leben und nie wieder schlechte Zeiten kommen, in denen man sich einfach mies fühlt. Die werden kommen, ganz sicher sogar. Doch ich hab schon die Hoffnung, dass es dadurch nicht ganz so schwer wird, ans Ende des Tals zu kommen.

Und wie geht das jetzt, dem Leben oder etwas Höherem oder wie auch immer man es nennen mag, zu vertrauen?

Auch hier kann das Yogasutra Antworten geben: Wir können uns an eine Inspirationsquelle wenden, die das Vertrauen stärkt. Das kann ein Familienmitglied, eine Freundin, ein gutes Buch (z.B. eine inspirierende Biographie) oder ein (spiritueller) Lehrer sein. Das kann körperliche Betätigung (Sport, Yoga) sein oder einfach ein Spaziergang in der Natur. Egal was es ist, es ist wichtig, dass wir uns diese Hilfe und Unterstützung holen. Nicht nur in Momenten, wo es uns schon schlecht geht, sondern auch und gerade in solchen Momenten, in denen wir uns gut und stabil fühlen. Quasi als Prävention.

Grundsätzlich ist es ja besser, für schlechte Zeiten vorzubeugen als danach die Scherben aufzukehren.

Ich bin auch noch auf dem Weg dorthin, Vertrauen ein bisschen mehr in mein Leben und Alltag einzubinden…

…und vielleicht magst du mich ja begleiten.

In diesem Sinne, herz weich <3

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.