Über Reisefieber und Fernweh

Neugierige Kinder in der Nähe des Bergdorfs Sapa

Vier Augenpaare schauen mich an. Sie gucken neugierig zu mir rüber. Sie lächeln. Es riecht nach Hunden. Staub liegt in der Luft und es ist sehr sehr heiß. Eine Entenfamilie überquert die Straße und vor dem Haus, in dem wir sitzen, sonnt sich ein Schwein. In der Ferne sind die Reisterrassen zu sehen und neben uns ertönt es: „More happy water?“

Wenn man hier nicht aufpasst, wird das Schnapsglas immer wieder mit Reisschnaps, der liebevoll „happy water“ genannt wird, aufgefüllt.

Die vier Augenpaare gehören zu vier neugierigen vietnamesischen Kindern in der Nähe des Bergdorfes Sapa. Dort startete ich vor drei Tagen zusammen mit meinem Freund unsere Trekkingtour durch die Berge im Norden Vietnams an der Grenze zu China.

Gerade essen wir unser letztes Mittagessen dieser Tour. Es gibt, wie gewohnt, eine Menge Reis, Wasserspinat, Frühlingsrollen und Hühnchen. Ming ist der freundliche Gastgeber und besteht darauf, dass wir mit ihm zusammen den Reisschnaps trinken. Ich kann mich gerade noch davor retten, dass das Glas erneut aufgefüllt wird. Ming ist sehr stolz auf das „happy water“, das er selbst in seiner Küche braut. Er zeigte uns den riesigen Kessel mit Reisschnaps, der wahrscheinlich nie leer ist.

Zubereitung von Reisschnaps “Happy Water”

Eigentlich bin ich nach Vietnam gereist, um die Halong-Bucht, die Reisterrassen oder die Stadt Hanoi zu sehen. Diese Stationen meiner Reise waren auch sehr beeindruckend. Doch was mich wirklich nachhaltig beeindruckt hat sind Situationen wie die gerade Beschriebene.

Auf außenstehende Personen mag dieser Moment nicht so besonders wirken. Doch genau diese Momente sind es, die für mich das Reisen so besonders machen. Die Alltagssituationen der Menschen zu erfahren.  Das Leben der Menschen so hautnah mitzuerleben – oder zumindest für eine kurze Zeit Teil davon zu sein – das ist der Grund, warum ich so gerne in fremde Länder reise.

Was mich auf meinen bisherigen Reisen besonders beeindruckt hat, sind die Menschen. Oft haben sie scheinbar weniger als wir – eine Holzhütte, eine Feuerstelle als Küche und eine Hängematte vor dem Haus. Und trotz ihrer materialistischen Armut (oder vielleicht genau deshalb?) scheinen sie sehr glücklich zu sein. Meist sieht man mehrere Generationen in einer dieser Holzhütten. Die Oma, die vor dem Haus sitzt und das Gemüse für das Mittagessen putzt. Die Mama, die mit ihrem Kleinkind in der Hängematte ein Mittagsschläfchen macht. Vor dem Haus ist ein kleiner Verkaufsstand aufgebaut, wo Früchte verkauft werden. Alles wirkt sehr harmonisch.

Natürlich haben nicht alle Menschen, die ich auf den Reisen sehe, nur eine Holzhütte und eine Feuerstelle als Küche. Und doch sind es genau die, die mich nachhaltig beeindrucken. Die mit so wenig Hab und Gut zufrieden wirken. Ob sie es wirklich sind, können natürlich nur sie selbst sagen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass sie vielleicht insgeheim mehr haben als wir. Nämlich keine Hektik, keine Termine und vor allem Zeit mit ihrer Familie.

Damit möchte ich nicht sagen, dass ich nicht dankbar bin, in Deutschland zu leben. Ganz im Gegenteil. Vor meinen Reisen habe ich Dinge wie diese für selbstverständlich gehalten: eine 60qm-Wohnung zu zweit zu haben, ein großes bequemes Bett, im Supermarkt alles kaufen zu können, ein sicheres Einkommen, eine gute medizinische Versorgung. Erst durch die Reisen weiß ich das alles viel mehr zu schätzen. Mehrbettzimmer und Gemeinschaftsbäder auf den Reisen tragen auch ihren Teil dazu bei.

Nach jeder Reise komme ich ein bisschen anders nach Hause – ob es nun mehr Dankbarkeit für die scheinbar selbstverständlichen Dinge im Leben ist, kleinere Probleme im Alltag nicht mehr so wichtig zu nehmen oder die Zufriedenheit und Freundlichkeit der Menschen der fremden Kulturen mit ins tägliche Leben zu integrieren.

Was das Reisen mit mir macht finde ich sehr spannend und bis jetzt ist das Fernweh noch nicht gestillt. Ich freu mich drauf, die Erlebnisse auf meinen vergangenen und zukünftigen Reisen, die mich beeindruckt und verändert haben, für dich und mich hier festzuhalten.

In diesem Sinne, herz weich <3

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