Raus aus meiner Komfortzone

Auf dem Mount Kinabalu – verschwitzt, kaputt, müde, glücklich und stolz

In den letzten zwei Jahren habe ich viele Ratgeber-Bücher in Richtung Persönlichkeits-Entwicklung gelesen. Eine Sache, die ich unzählige Male (ich kann sie wirklich nicht mehr zählen) gelesen habe, ist folgendes:

Entwicklung findet dann am Besten statt, wenn man seine Komfortzone verlässt.

Quelle aus diversen Ratgeberbüchern

Gedanklich habe ich beim Lesen dieser Passage immer mit den Augen gerollt und mir folgende Fragen gestellt: Was ist denn meine Komfortzone? Und was bedeutet es für mich, da rauszugehen? In meinem Alltag gibt es nunmal keine Situationen, die es mir ermöglichen, aus dieser Zone herauszukommen, was auch immer das heißen mag. Die Gedanken daran und dass das so wichtig für persönliche Entwicklung ist hab ich dann immer recht schnell wieder verworfen, weil ich sonst ehrlich gesagt schlechte Laune bekommen hätte.

Doch mir ist neulich bewusst geworden, dass es dieses Jahr sehr wohl Situationen gab, in denen ich aus meiner Komfortzone rausgekommen bin. Angefangen mit einer dreitägigen Trekkingtour durch die Anden in Kolumbien im Januar. Ich bin täglich rund 20km gelaufen und habe dabei pro Tag mehr als tausend Höhenmeter zurückgelegt. Angefangen bei 2400 Höhenmeter im Valle de cocora, bis auf 4600 Höhenmeter in den Anden. Luftnot aufgrund der Höhe und schmerzende Füße und Beine haben mich körperlich an meine Grenzen und weit darüber hinausgebracht. Auf der Trekkingtour selbst gab es oft Momente, in denen ich diese Wanderung (und damit auch meinen Freund, weil er derjenige war, der diese Wanderung im Internet entdeckt hatte) verflucht habe. Weil ich einfach nicht mehr konnte. Täglich ca. acht bis zehn Stunden zu laufen zeigt einem schnell die körperlichen Grenzen auf. Und doch stand ich dann am Ende auf 4600 Meter. Ich kann nicht wirklich behaupten, dass ich diesen Moment genossen habe, da es ca. Null Grad kalt war, ein eiskalter Wind ging, es geregnet hat und ich nach Luft geschnappt habe. Außerdem wusste ich, dass ich die erklommenen Höhenmeter auch wieder runter laufen darf.

Los Nevados Nationalpark auf dem Weg zum Paramillo del Quindio in Kolumbien

Doch als wir unten ankamen, ungeduscht, schwitzend und völlig fertig – da war ich wirklich stolz auf mich. Und mit ein bisschen Abstand wurde mir dann klar, dass ich da wohl grade aus meiner Komfortzone herausgekommen bin.

Von diesen Momenten gab es dieses Jahr noch mehrere. Zum Beispiel bei einer weiteren Wanderung dieses Jahr auf den Mount Kinabalu in Borneo. Ich hatte die Schmerzen in den Beinen und die Anstrengung aus Januar in Kolumbien wohl schon wieder vergessen oder verdrängt und freute mich auf diese Wanderung. Nach ca. zehn Minuten Aufstieg (der komplette Aufstieg auf den Mount Kinabalu besteht quasi nur aus Treppen, juhu) erinnerte ich mich dann wieder an die Anstrengung im Januar…. Am nächsten Tag nach einer sehr kurzen Nacht bei Sonnenaufgang auf den Gipfel zu stehen, war dann aber wieder sehr beeindruckend und ich konnte wieder stolz auf mich sein.

Ein weiteres Erlebnis, das mich aus meiner Komfortzone brachte, war der erste Nightwalk durch den ältesten Regenwald der Welt auf Borneo. Ich verbrachte drei Tage in diesem Dschungel und übernachtete in einem Mehrbettzimmer in einer Lodge mitten im Dschungel. Und mit mitten im Dschungel meine ich mitten im Dschungel. Unser Ranger fuhr uns ca. 100km durch den Regenwald, bis wir an der Lodge ankamen. Die nächstmögliche medizinische Versorgung war ca. 3,5 Stunden mit dem Auto entfernt – das nenn ich dann mal eine authentische Dschungel-Erfahrung.

Der erste Gang durch den Dschungel war direkt der Nightwalk. Unser Guide erzählte uns, dass es im Dschungel gefährliche giftige Spinnen, Schlangen und Skorpione gibt. Auch Tausendfüßler könnten bei Berührung die Reise ruinieren. Ca. eine Stunde vor Beginn des Nightwalks wurde mir erstmal bewusst, was ich da eigentlich vorhatte. Ich wollte in der Nacht, nur mit einer Stirnlampe ausgestattet, durch einen Regenwald laufen, in dem es gefährliche Tiere gibt, die ich in freier Wildbahn noch nie gesehen habe. Und die ich auch erst bemerke, wenn der Schein der Lampe auf sie fällt. Mal ganz davon abgesehen, dass die Spinnen hier Vogelspinnen-Größe haben. Als mir das alles bewusst wurde, war ich sehr aufgeregt und hab sogar kurz mit dem Gedanken gespielt, einfach nicht mitzugehen und den Nightwalk erstmal auszulassen. Irgendwas hat mich dann aber doch dazu bewegt, mich zusammen zu reißen und mich zusammen mit meinem Freund, Rajis und einem Ranger auf den Weg zu machen. Nach ca. zwei Minuten verflog meine Aufregung und ich konnte den Nightwalk richtig genießen. Ich habe gemerkt, dass der Ranger sich gut auskennt und die kleinste Bewegung eines Tieres im Regenwald bemerkt. Vor allem habe ich gemerkt, dass es im Regenwald nicht von Spinnen wimmelt, sondern man quasi von Glück sprechen kann, wenn man eine zu Gesicht bekommt. Was wir dann auch getan haben (und es war gar nicht schlimm).

Nach dem Nightwalk hab ichs nicht bereut, dass ich mich überwunden habe und mitgekommen bin. Die Erfahrung, bei Nacht durch den ältesten Regenwald der Welt zu laufen, möchte ich nicht mehr missen. Ich habe mich wieder was getraut und konnte im Nachhinein nur profitieren.

Die letzte Situation, die ich in diesem Blogbeitrag mit dir teilen möchte und bei der ich aus meiner Komfortzone rausgekommen bin, ist die Situation vor meiner ersten Yogastunde. Und damit meine ich nicht meine erste Yogastunde als Schülerin, sondern als Lehrerin. Auf der “Über-Mich-Seite” habe ich dir bereits erzählt, dass ich dieses Jahr eine Yogalehrerausbildung mache. Ich habe mich für diese Ausbildung entschieden, da ich mehr über die Yogaphilosophie lernen wollte. Nicht unbedingt, damit ich danach wirklich Yoga unterrichten kann. Und doch gehört es bei einer Yogalehrerausbildung natürlich dazu, auch Yogastunden als Lehrer zu halten. Unsere Abschlussstunde wird dieses Jahr im Dezember sein. Da wird es ein Wochenende geben, an dem alle 20 Yogis, die an der Ausbildung teilnehmen, eine Yogastunde halten werden. Vor Dezember darf jeder über das Jahr verteilt eine Vorstellstunde halten. Ich habe mich für Juni entschieden, da ich das nicht zu lange aufschieben wollte und noch vor meiner Borneo-Reise im Juli „erledigt“ haben wollte. Und wow, ich wusste zwar, dass ich aufgeregt sein werden, aber das fing schon ca. eine Woche vorher an. Es war das erste, was mir morgens einfiel, als ich aufwachte und das letzte, an das ich abends beim Einschlafen dachte. Ich übte mit meinen Yogimädels von der Ausbildung und habe meine Vorstellstunde an meiner Mama und einer guten Freundin von ihr „getestet“. Mir hat das richtig Spaß gemacht und es hat echt gut geklappt. Und trotzdem war ich so unglaublich nervös, meine Vorstellstunde meinen Ausbildungs-Yogis und meinem Yogalehrer vorzustellen. Ich mag es ja sowieso nicht, vor Menschen zu sprechen. Und eine Gruppe von mehreren Yogis (es waren dann 11) durch eine ganze Yogastunde zu führen, war und ist für mich eine riesige Herausforderung. Als es dann am Freitag, den 28. Juni 2019 um 15 Uhr soweit war und meine Ausbildungs-Yogis den Yogaraum betraten, wurde ich ruhiger. Ich würde nicht sagen, dass die Aufregung komplett verflog. Es war vielmehr ein Vertrauen in meine Fähigkeiten (Vertrauen war auch das Thema meiner Yogastunde), das mich ruhiger werden lies und mir die nötige Konzentration brachte. Ich führte meine Yogis durch meine Stunde und hab im Anschluss so tolles und wohlwollendes Feedback von allen bekommen, dass mir echt das Herz aufging.

Und auch dieser Moment hat mich stärker gemacht. Vor einem Jahr hätte ich es nicht geglaubt, hätte mir jemand erzählt, ich würde eine Yogalehrerausbildung machen und eine Yogastunde geben. Schon in meiner ersten Stunde als angehende Yogalehrerin bin ich an der Herausforderung gewachsen und freue mich auf viele weitere (vor denen ich sicherlich nicht weniger aufgeregt sein werde).

Diese ganzen beschriebenen Situationen haben mich aus meiner Komfortzone geholt. Das habe ich während der Situationen vielleicht gar nicht wahrgenommen. Doch irgendwann wurde mir bewusst, dass das tatsächlich stimmt, was ich so oft gelesen habe.

Aus meiner eigenen Komfortzone herauszukommen, hat mich jedes Mal ein bisschen stärker gemacht und ich hoffe, dass noch viele weitere solcher Situationen auf mich warten.

In diesem Sinne, herz weich <3

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